Weintreff 2011 – Ein Rundgang durchs Remstal und Stuttgart

7. Februar 2011

Nach 70 probierten Weinen meldeten sich die freien Zahnh?lse zum ersten Mal. Viel mehr als 80 sind es diesmal dann auch nicht geworden. Interessant war es dennoch:  Der Weintreff in der Alten Kelter in Fellbach hatte zur Verkostung von insgesamt ca. 300 Weinen von 53 Weing?tern aus dem Remstal, Stuttgart und Esslingen geladen. Eine lohnende Gelegenheit, mal wieder zu schauen, wie sich die aktuellen Weine der bekannten und weniger bekannten Winzer pr?sentieren. Licht und Schatten lagen wie immer dicht beieinander. Hier mal einige der besseren Vertreter ihrer Art:

Wei?weine:

W?hrwag, Riesling Goldkapsel, Untert?rkheimer Herzogenberg, trocken 2010
87+ Punkte

Karl Haidle, Riesling Sp?tlese trocken, Stettener Pulverm?cher 2009
87 Punkte

Knau?, Sauvignon Blanc „S“ tr. 2010
87 Punkte

Siegloch-Kl?pfer, Sauvignon Blanc *** 2009
87 Punkte

J?rgen Ellwanger, Wei?weincuvée „Nicodemus Candidus“ Hades, tr. 2008
89 Punkte

Beurer, Riesling tr., Stettener  Pulverm?cher, Schilfsandstein 2009
87 Punkte

Beurer, Riesling „Junges Schwaben“ tr., 2009
88+ Punkte

Schnaitmann, Riesling „Gro?es Gew?chs“ tr., Uhlbacher G?tzenberg 2009
88 Punkte

Aldinger, Riesling „Gro?es Gew?chs“ tr., Fellbacher L?mmler 2009
89+ Punkte

Rotweine:

Collegium Wirtemberg, Pinot Noir 2009
87 Punkte

Collegium Wirtemberg, Rotweincuvée-Réserve 2008
87+ Punkte

W?hrwag, Merlot/Cabernet Sauvignon „X“ 2008
88+ Punkte

Weinmanufaktur Untert?rkheim, Rotweincuvée Berthold, Barrique 2008
88+ Punkte

Karl Haidle, Lemberger „Gro?es Gew?chs“, Stettener M?nchberg 2009
87+ Punkte

Heid, Sp?tburgunder ***, Fellbacher L?mmler 2008
87+ Punkte

Heid, Cuvée M 2008
88+ Punkte

Medinger, Cuvée „M“ Barrique 2007
87 Punkte

Parfum der Erde, Regent 2009
88+ Punkte

Markus Dobler, Cabernet Mitos „Grande Reserva“ (6,5 Jahre Barrique) 2003
88 Punkte

Schnaitmann, „Simonroth R“ Sp?tburgunder „Gro?es Gew?chs“ 2008
89+ Punkte

Schnaitmann, „Simonroth MC Merlot/Cabernet 2008
90 Punkte

Aldinger, „Cuvée C“ 2008
89 Punkte

Rarit?tendrama in drei Akten

20. Januar 2011

Prolog:
Eines Abends im Januar war sie auf einmal offen. Eine Flasche, wie sie hierzulande so gut wie nicht zu erwerben ist, so rar und exklusiv, dass sie wohl den meisten Weinfreunden kaum bekannt sein d?rfte. Nebenbei bemerkt, nicht gerade ein Schn?ppchen. Ein Chardonnay mit 18 Monaten Reife in frz. Barriques, der Auszeichnung von 20/20 WeinWisser-Punkten und bestenfalls in der Schweiz ein Begriff:

  • Castello Luigi, Bianco del Ticino, Besazio 2007

Doch zun?chst: Holz, Vanille, Holz und nichts, was neben dieser geballten Massivit?t bestehen k?nnte. Keine Chance auf  spannende Aromen und Genuss. Voluptas interruptus: Korken drauf, mitgenommen, ab in den K?hlschrank und warten.

I.  Akt
neue Szene, neue Chance
Gl?ck gehabt: am n?chsten Tag zeigt dieser Chardonnay aus dem Tessin, was er wirklich kann. Man merkt, dass er noch am Anfang einer gro?en Entwicklung steht – er hat ordentlich Biss und starke R?staromen. Und er ist lang anhaltend, sehr lange sogar. Daneben offenbart er zahlreiche Aromen: Eiskonfekt, Haselnuss, wei?e Schokolade, Doldenbl?tler, viel W?rze. An Geschmeidigkeit im Abgang wird er bestimmt noch zulegen. 94+

II. Akt
Niemand bleibt gern allein. Warum zu einer Rarit?t nicht eine andere gesellen? Gesagt, getan:

  • Battenfeld Spanier, Riesling CO 2007

Der Wein, dessen Vorg?nger aus dem Jahrgang 2006 zur Hochzeit von Carolin Gillot und Hans Oliver Spanier kreiert wurde, ist gerade ganz stark. Ganz trocken ist der ?kowein nicht, extrem mineralisch, sehr dicht, w?rzig, cremig, mit feiner Honignote, dabei schlank am Gaumen, mit viel Druck, Mandel, Grapefruit, Eleganz und wunderbar lang anhaltend. Sensationelle 95-96 Punkte. Vorl?ufiger H?hepunkt.

III. Akt
Was stellt man so einem Wein zur Seite, wenn Entdeckerdrang und Durst gerade so sch?n angefacht wurden? Im trockenen Bereich ist da nicht mehr so viel m?glich auf diesem Planeten, deshalb greift als n?chstes ein S??wein ins Geschehen ein.

  • Keller, Dalsheimer Hubacker Riesling Auslese *** 1999

Wunderbares Trinkalter f?r einen ganz starken Auftritt. Tief bernsteinfarben, unglaubliches Extrakt, Botrytis, Thymian, Tannenhonig, Karamell, Nadelwald, Apfelstrudel, animierende Rassigkeit, minutenlanger Nachhall. Kurzum: Wenn man w?sste, wie Perfektion tats?chlich auss?he, w?re sie von hier aus nicht mehr weit entfernt und schon ganz gut zu erkennen. 98 Punkte, wie sie so schnell gewiss nicht wiederkommen.

Epilog:
Kein Wein, ein w?rdiges Nachspiel allemal und in seiner Klasse ebenfalls weit oben:

  • Salwey, Sauerkirschwasser

Kann mit seinen 45% jeden au?ergew?hnlichen Theaterabend zu einem nachhaltig harmonischen Ende f?hren. Der Vorhang f?llt, auch ohne Punkte.

Weinfreunde und ?hnliche Spezies

9. Januar 2011

Nein, das soll nicht die x-te Ausf?hrung zu bestimmten Weinen, Jahrg?ngen, deren Bewertung oder Verf?gbarkeit sein. Nicht um Marketing geht es, sondern um das, was Wein ?berhaupt zu einem Thema macht.

Was genau treibt uns eigentlich zum Entkorken einer Flasche?
Welche Gr?nde bewegen uns, viel oder wenig Geld f?r ein ziemlich fl?chtiges Erlebnis auszugeben?

Die Antworten sind so vielf?ltig, wie der Wein Facetten hat. Um solche, die vielleicht nicht sofort auf der Hand liegen, ohne die aber das Faszinosum Wein gar nicht verstanden werden kann, soll es hier gehen.

Um grunds?tzliche Fragen kommen wir dabei nicht herum.

  • Warum trinken wir Wein?
  • Was stellt Wein mit uns an?
  • Was sind wir nur f?r Menschen?
  • Warum tun wir es wieder und wieder?

Zun?chst mal: Weintrinker sind Menschen. Deshalb gibt es viele Rollenmuster. Sie sind Sammler oder Trinker. Konsument oder Gourmet. Sie brauchen einen geduldigen Freund auf der Parkbank oder ein edles Statussymbol neben der gest?rkten Stoffserviette. Weintrinker interessiert entweder das Etikett oder der Inhalt. Und manchmal auch nur die Umdrehungen. Weinfreunde sind sie also alle. Auch wenn nicht zwangsl?ufig meine.

Der Etikettentrinker
ist das verachtungsw?rdigste Gesch?pf auf Erden. Er w?rde sich nie ein eigenes Urteil erlauben. Allerdings nicht aus vornehmer Zur?ckhaltung, sondern aus v?lligem Desinteresse. Nie w?rde er einen Wein erwerben, weil er ihm schmeckt. V?llig hilflos in dieser Hinsicht braucht er das Urteil eines namhaften Kritikers. Dessen ver?ffentlichter Kommentar ist dann der Startschuss zur Schn?ppchenjagd, die bedauerlicherweise f?r den echten Weinfreund meist genau dann zu Ende ist. Denn von jetzt an ist die Zeit der g?nstigen Preise vorbei. Wie gut, dass es einige Handvoll Top-Brands gibt, die auf Kritikerlob ein Abonnement besitzen. Diese Weine kann der Etikettentrinker dann einfachheitshalber gleich blind kaufen. Auch wenn das Blind-Verkosten, also der Vergleich einer solcherart renommierten Flasche mit Weinen ?hnlicher Qualit?t, so einer tauben Nuss nat?rlich nie einfallen w?rde. Schlie?lich k?nnte der Etikettenwein glatt durchfallen. Und die Etikette muss selbstverst?ndlich gewahrt, ?h bewundert werden.

Dabei gibt es eine Reihe respektabler Gr?nde Wein zu trinken. Die Liebe zum Beispiel. Manch ein Wein l?dt geradezu zu einer Liebeserkl?rung ein. Ein ungeheuer attraktiver Wein ist beispielsweise elegant oder elegisch, filigran, riecht aber nur selten nach Filterkaffee. Finesse statt Finsternis ist aber kein Pl?doyer gegen farbtiefe Kraftprotze aus Down Under oder sonst woher. Muskul?s darf ein attraktiver Wein schon sein, jugendlich ungest?m sowieso, auch wenn manche(r) sich mehr in reifere Altersmilde verguckt. Bodenst?ndigere Typen stehen vielleicht eher auf die unkomplizierte Rustikalit?t eines schlichten Gem?ts. Der Markt ist riesig und wer hier alleine bleibt, dem ist nun wirklich nicht zu helfen.

Prostitution
gibt es allerdings auch. Weine, die billiges Parf?m auftragen und sich zu Dumpingprodukten dem bei k?uflichen Freuden Unerfahrenen in den Scho? werfen. Die die sch?ne falsche Fassade mit dem duftenden Blumenschmuck dem schnell benebelten Freier entgegenhalten. Bis sie br?ckelt und er Br?ckele lacht. Bzw. bricht.

Die Liebe ist also ein zwiesp?ltiges Motiv f?r den Weingenuss. ?berhaupt h?lt sie immer nur f?r kurze Zeit. Und die Pausen, bis zum n?chsten Mal so eine verg?tterte Flasche ge?ffnet wird, k?nnen ekelhaft lange werden. Mancher richtet da lieber einen Schrein f?r seine Lieblingsflaschen in seinem Keller ein. Zwei Kerzen rechts und links, davor ein Schemelchen. Am besten abseits nicht-artgerechter Massenweinhaltung, bei der Korkverschl?sse dicht gedr?ngt neben Glaskorken und Schraubverschl?ssen in endlos langen Reihen nebeneinander gepfercht liegen.
Ein w?rdevoller Alterssitz f?r Weine mit gro?em Potential. F?r einen Trollinger wohl ein vergeblicher Traum.

Emotionen,
darum geht es nat?rlich vor allem. Wer schlecht gelaunt einen gro?en Burgunder ?ffnet, w?re in diesem Moment vielleicht mit einem Schwarzriesling aus der n?chsten Genossenschaft besser bedient. Wer von seinem ?rger nicht lassen kann, schafft es nicht, die vielen kleinen Aromenantennchen auf Empfang zu stellen. Guter Wein hilft nicht bei ?bellaunigkeit. Und Alkohohl geht auch billiger …

Wessen Laune aber vielleicht eher unbestimmt ist, dem kann gro?er Wein zu wahren emotionalen H?henfl?gen verhelfen. Wie bei einem Gedicht, das einen unmittelbar anspricht, ohne dass einem sofort klar w?re, was das Ber?hrende daran eigentlich ist, muss wahrer Genuss langsam erarbeitet werden. Mehr als dominante Fruchtaromen in der Nase gibt so ein Wein nur preis, wenn ihm viel Zeit und M?he geschenkt wird. Im Glas, schwenkend vor der Nase und am Gaumen sowieso. Verborgene Aromen und Bedeutungen haben eines gemeinsam. Sie m?ssen behutsam geborgen und bewusst gemacht werden. Nur dann ist das gr??tm?gliche Vergn?gen m?glich. Genau an diesem Versuch erkennt man immer noch am zuverl?ssigsten den echten Weinfreund. F?r alle anderen gibt es sch?ne Etiketten.